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Seeadlerverluste an Windenergieanlagen in Deutschland

Erstmals wurde vor 16 Jahren über die Phänologie von acht Seeadlerverlusten an Windenergieanlagen (WEA) in Deutschland berichtet (DÜRR 2003). Seitdem wuchs die Zahl der Fundmeldungen auf 167 Individuen. Vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion um vorsorgliche

Seeadler u WEA
Dieser junge Seeadler wurde von den Rotorblättern einer Windenergieanlage in zwei Hälften zerschlagen (Foto: B. Struwe-Juhl)

Abstandskriterien zu Brutplätzen der Seeadler und das komplette Freihalten von mit Seeadlern dicht besiedelten Landschaftsräumen (HERRMANN & HEUCK 2019), stellen Informationen über das jahreszeitliche Auftreten der Verluste eine zusätzliche wichtige Beurteilungsgrundlage dar.

Die Zahl der Fundmeldungen schwankt von Jahr zu Jahr, was zufallsbedingt ist und u.a. durch das Fehlen gezielter Nachsuchen erklärt werden kann. Insgesamt ist über die letzten Jahre ein Ansteigen der Fundmeldungen zu verzeichnen, was mit dem zeitgleich voranschreitenden Ausbau der Windenergienutzung in Deutschland zu erklären ist.

WEA Verluste Jahr
Jährliche Fundmeldungen von Seeadler in Deutschland, die mit Windenergieanlagen kollidiert sind (n=167). Die Daten aus 2019 sind unvollständig (nur Zeitraum bis zum 31.10. berücksichtigt). Quelle: Datenbank der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg

Auffällig ist, dass in Mecklenburg-Vorpommern viel weniger Kollisionen mit WEA registriert wurden als in Brandenburg, und das, obwohl der Seeadlerbestand in Mecklenburg-Vorpommern viel größer ist und es dort seit vielen Jahren ein funktionierendes Verlustmonitoring gibt, welches mit jenem in Brandenburg vergleichbar ist. Ursache hierfür dürfte die geringere Dichte von 8,3 WEA je 100 qkm in Mecklenburg-Vorpommern sein. In Brandenburg beträgt die Dichte 13,0 WEA je 100 qkm. Unabhängig von den unterschiedlichen Abstandskriterien in den beiden Bundesländern, in Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Schutzbereich/Schutzradius um Seeadlerhorste 2 km, in Brandenburg 3 km sowie jeweils 6 km als Prüfbereich, führen die höheren Dichte an WEA offenbar zu höheren Verlusten unter den Seeadlern. Das bestätigt die These von Herrmann & Heuck (2019), wonach mit den Abstandskriterien nur ein Teil des Kollisionsrisikos gelöst wird, weil auch außerhalb der definierten Schutzbereiche regelmäßig Seeadler an WEA zu Tode kommen.

Von 165 Seeadlerfunden liegen Angaben zum ungefähren Todeszeitpunkt vor. Aus diesen Daten lässt sich die Phänologie der Seeadlerkollisionen an WEA aufzeigen.

Seeadlerverluste wurden in allen Dekaden festgestellt. In der Grafik sind zwei Zeiträume mit gehäuften Kollisionen augenfällig: von Anfang März bis Anfang Mai (n=59, 35,8 %) und von Ende August bis Anfang November (n=59, 35,8 %). Beide Peaks betreffen sowohl subadulte als auch adulte Vögel und deuten auf eine erhöhte Mobilität der Vögel hin. Bei den immaturen Vögeln ist ein Zusammenhang mit Migrationsbewegungen zu

 WEA Verluste Jahreszeit
Jahreszeitliches Auftreten von Seeadlerverlusten (n=165) an WEA in Deutschland im Zeitraum 2002-2019. Abgebildet wird der aus Funddatum und geschätzter Liegedauer errechnete Todeszeitpunkt. Von 13 Seeadlern lagen keine Informationen zum Alter der Vögel vor.

vermuten, bei den Altvögeln eher eine erhöhte Mobilität während der Brutzeit. So entfallen bei den Altvögeln auf die Fortpflanzungsperiode 52 Funde (78,8 %), von ihnen 26 (50,0 %) auf die Phase der Bebrütung und Nestlingsversorgung. Die geringen Fundzahlen zwischen Mitte Mai und Mitte August lassen sich nicht schlüssig erklären. Jungvögel im 1. Kalenderjahr (Kj.) sind praktisch ab dem Flüggewerden kollisionsgefährdet. Die frühste Kollision mit einer WEA erlitt ein Jungvogel in der 3. Junidekade.

Die Altersstruktur der aufgefundenen WEA-Kollisionsopfer setzt sich wie folgt zusammen: 21 Seeadler befanden sich im 1. Kj. (= 13,8 %), 14 Vögel in der 1. Hälfte des 2. Kj. (9,2 %) und damit insgesamt 35 Vögel im 1. Lebensjahr. 51 Seeadler befanden sich zwischen der 2. Hälfte des 2. Kj. bis zum 5. Kj. (33,6 %) und 66 Seeadler waren adult (43,4 %). Damit entfallen 56,6 % der Verluste auf jüngere Vögel, was in Relation zu deren Häufigkeit am Gesamtbestand stehen dürfte. Seeadler zeigen insgesamt eine geringe natürliche Scheu gegenüber Windenergieanlagen, wodurch sich vermutlich auch die Verluste unter den Altvögeln begründen.

Unter den Funden fällt ein hoher Anteil beringter Vögel auf (im Mittel 35,9 %): z.B. Schleswig-Holstein 53,6 % (n=22), Mecklenburg-Vorpommern 42,6 % (n=20) und Brandenburg 18,3 % (n=11). Beringte Seeadler trugen 33x Ringe der Beringungszentrale Hiddensee, 24x Ringe der Vogelwarte Helgoland und 3x Ringe der Vogelwarte Gdansk. Der tatsächliche Anteil beringter Vögel könnte sogar noch höher gewesen sein, da nicht alle Kadaver vollständig geborgen werden konnten. Der hohe Anteil an Ringträgern spricht dafür, dass beringte Vögel bevorzugt gemeldet werden und damit nicht alle Funde in die Verlustdatenbank gelangen.

 

Literatur:
Dürr, T. (2003): Neue Seeadler-Verluste an Windenergieanlagen in Deutschland. Projektgruppe Seeadlerschutz Schleswig-Holstein e.V., Jahresbericht 2003.
Herrmann, C. & C. Heuck (2019): Über den Wert langer Datenreihen: Langfristiges Seeadlermonitoring ermöglicht wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Falke 11: 20-25.

 

Tobias Dürr
Landesamt für Umwelt Brandenburg
Staatliche Vogelschutzwarte