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Der Fischadler als Baumbrüter in Niedersachsen

Im Jahr 1991 ist der Fischadler nach über 40-jähriger Vakanz in Niedersachsen (Ausnahmejahr 1963) wieder heimisch geworden. Auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne baute das Paar auf einem Kiefernüberhälter einen Horst, auf dem drei Jungvögel flügge wurden. Bis heute sind an diesem Brutplatz bei sechs Unterbrechungen (durch Horstabstürze und ungeklärte Brutverluste) 44 Jungvögel ausgeflogen. Vor der Jahrtausendwende wurden weitere Fischadlervorkommen aus den Gebieten Polder Bramel, Salzgitter, Eschede und Landkreis Gifhorn gemeldet. Die Angaben über Horststandorte und Bruterfolge waren jedoch z.T. recht lückenhaft. Mit Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz in Niedersachsen“ (AAN) im Jahr 2000 wurden in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Vogelwarte, ehrenamtlichen Adlerbetreuern, Forstämtern und Waldbesitzern die Vorkommen von See- und Fischadler systematisch erfasst und Schutzmaßnahmen eingeleitet.
Die erste deutliche Zunahme der niedersächsischen Fischadlerpopulation zeigte sich in 2004 mit vier nachgewiesenen Bruten: Bergen-Hohne, im Kreis Gifhorn und im Bereich Salzgitter mit jeweils 2 Jungen auf Kiefernaturhorsten, und am Dümmer (1Junges) auf dem ersten niedersächsischen Masthorst auf einer Hochspannungsleitung.
Beobachtungen jagender und Fische transportierender Fischadler an den großen Fischteichgebieten in der Südheide in den Monaten Mai bis Juli und dann den Altvögeln mit Bettelrufen folgende Jungvögel ließen vermuten, dass diese bereits in der Umgebung schon groß gezogen worden waren. Horstsuchaktionen in den An- und Abflugschneisen der Altvögel hatten jedoch keinen Erfolg. Nach rund 10 Jahren, im Juni 2012, wurde in einem versumpften Bachtal, in dem viele abgestorbene Altkiefern lagen und wenige noch standen, ein Naturhorst auf einer toten Altkiefer durch Zufall gefunden (s. Foto 1 ? einfügen ). Dort könnten schon jahrelang Bruten stattgefunden haben, denn die Flüge der Fischadler hatten wir einem anderen wesentlich weiter entfernten Brutvorkommen zugeordnet. Es waren zwei Altvögel, aber keine Jungvögel auf dem Horst. Da diese tote Kiefer mit dem Naturhorst am Stammfuß erhebliche Faulstellen hatte und wohl keine weitere Brutsaison überstanden hätte, zumal auch der Horst eine Schieflage hatte, wurde in circa 80 Metern Abstand eine gesunde, die Nachbarbäume überragende Altkiefer mit einer Nistplattform bestückt. Sie wurde im Folgejahr von den Adlern angenommen und weiter ausgebaut. 2013 wurde dort ein Jungvogel flügge. 2014 kam es durch Waldarbeiten in circa 150 Metern Entfernung zum Brutabbruch.

NDS Foto 09
Fischadler am Horst in der Südheide (Foto: Eckhard Bühring)

Da der traditionelle Naturhorst in Bergen-Hohne wiederholt abstürzte, so auch wie andere Naturhorste 2007 beim Orkan „Kyrill“, wurde auf einer besonders hohen Kiefer im Nahbereich eine Nistunterlage angebracht, auf der seither alljährlich Bruten stattfinden. Auch im nördlichen Landkreis Gifhorn musste ein seit 2004 bekannter Naturhorst auf einer mächtigen Kiefer nach Kyrillschäden vor dem Absturz bewahrt und wieder stabilisiert werden.

Tief greifend ist der Verlust eines 2012 erfolgreichen Brutvorkommens mit zwei flügge gewordenen Fischadlern auf einem Kiefernhorst in der Nordheide, etwa 80 km entfernt von den nächsten Brutvorkommen in der Südheide. Da brutwillige junge Fischadlerpaare sich vornehmlich in Gebieten ansiedeln, in denen sie aufgewachsen sind, hatte diese Neuansiedlung eine besondere Bedeutung als wichtiger Vorposten für die weitere Besiedelung Niedersachsens. Der Naturhorst stürzte im gleichen Jahr nach dem Ausfliegen der Jungvögel ab. Das Paar begann dann im Frühjahr 2013 mit dem Bau eines neuen Horstes. Eine offensichtliche Störung führte aber zum Brutabbruch. Der Vorschlag zum Bau eines Kunsthorstes auf diesem oder einem Nachbarbaum wurde von der zuständigen Forstverwaltung abgelehnt: ein Unikum unter Forstbehörden, die sich in der Regel aufgeschlossen für derlei Schutzmaßnahmen zeigen. Von April bis Mitte Juni 2014 hielt sich ein Fischadlerpaar ohne Anzeichen einer Brut im Nahrungsrevier auf. Es ist nun zu befürchten, dass diese Neuansiedelung einmalig war.
Diese Beispiele zeigen die Kurzlebigkeit von natürlich errichten Horsten: statistisch gesehen liegt sie bei ± 2 Jahren. Das Anbringen von künstlichen Nistplattformen ist für die Zunahme des Brutbestandes somit entscheidend. In Horsten auf Plattformen sind der Bruterfolg und die Reproduktionsraten deutlich höher als in natürlich errichteten Horsten. Vor allem Erstbrüter profitieren von den durch Adlerschützer angelegten Plattformen davon, weil dadurch das Angebot an geeigneten Brutmöglichkeiten erhöht wird.

 Verbreitung NDS
Brutverbreitung des Fischadler in Niedersachsen 2014

Im Jahr 2014 siedelten 14 Fischadler-Brutpaare in Niedersachsen. Von diesen hatten 11 Paare Bruterfolg, es flogen insgesamt 30 Jungvögel aus. Erfreulich dabei ist u.a. eine Wiederansiedlung nach über 100 Jahren Abwesenheit in einem Waldgebiet des Niedersächsischen Forstamtes Göhrde. Dort hat ein Fischadlerpaar auf der vor wenigen Jahren gebauten Nistplattform einer 140 Jahre alten Kiefer zwei Jungvögel aufgezogen. Die nahe gelegene Elbe und ihre Nebengewässer dienen ihnen als Nahrungsrevier.

Baumhorste oder Masthorste?

In Niedersachsen sind aktuell neun Baumhorstbruten mit 18 geschlüpften Jungvögeln bekannt. Davon sind 16 flügge geworden. Das sind 1,7 Junge pro Baumhorst. Hinzu kommen fünf Masthorstbruten mit 14 flüggen Jungvögeln. Das sind 2,8 Junge pro Masthorst und damit ein deutlich höherer Bruterfolg gegenüber den Baumbruten. Ein Vergleich der Reproduktionsraten von Baumbrütern mit Mastbrütern in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in den Jahren 1972-1993 ergab, dass bei Baumbrütern 29 % der begonnenen Brut komplett verloren gingen, bei Mastbrütern hingegen nur 18 %. Auch die Zahl der flüggen Jungvögel war bei Baumbrütern mit 1,32 Jungen pro Horst deutlich geringer als bei Mastbrütern mit 1,65 Jungen pro Horst (vgl. Meyburg et al. 1995).
Als Grund für die niedrigere Reproduktionsrate bei Baumbruten wird die geringere Standfestigkeit der Bäume, das bei Stürmen starke Schwanken der Baumkrone mit der Gefahr des Gelege- und Jungenverlustes und die eher lockere Verankerung des Nistmaterials in der Baumkrone genannt, wodurch die Absturzgefahr erhöht ist. Masthorste dagegen gewähren eine stabilere Befestigung des Nistmaterials.
Vor allem aber wird der höhere Prädatorendruck bei Baumbrütern für den geringeren Bruterfolg verantwortlich gemacht. Dazu gehören Habicht, Uhu, Seeadler, Kolkrabe, Krähe, Waschbär und Baummarder. Eigene Beobachtungen bestätigen den Habicht als Hauptprädator, aber auch den Seeadler als Revierrivalen und Kolkraben im Verbund als Gelegeräuber. Waschbär und Baummarder kann man mit Kunststoffmanschetten in Verbindung mit dem Entfernen nahe stehender Bäume abwehren. Die geringere Reproduktionsrate bei Baumbrütern im Vergleich zu Mastbrütern wird daher oft als Argument für die Bevorzugung von Nisthilfen auf Strommasten herangezogen.
Die fünf diesjährig besetzten niedersächsischen Masthorste, zwei am Dümmer See, zwei im Bereich Steinhuder Meer und einer an den Libenauer Gruben/Weser, ersetzen in ohnehin waldarmen Gebieten den Mangel an Horstbäumen und tragen mit 14 flüggen Jungvögeln wesentlich zur Bestandserhöhung bei.
Alle Fischadler in Niedersachsen brüteten 2014 auf künstlichen Plattformen, nachdem Ansiedlungen auf Naturhorsten nach ein bis drei Jahren durch Horstabsturz scheiterten. Die Ideallösung wäre eine Waldbewirtschaftung unter Schonung und Förderung von Baumriesen als Habitatbäumen. Es brauchen nur einzelne Bäume zu sein, die die üblichen Umtriebszeiten überdauern, ihr natürliches Höchstalter erreichen dürfen und den umgebenden Bestand überragen. Dabei sollte der Bau von Kunsthorsten nur eine Übergangsmaßnahme sein, bis die typischen „Fischadlerbäume“ in genügender Anzahl und Verbreitung durch die Forstwirtschaft herangepflegt sind.

Eckehard Bühring
Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz in Niedersachsen

Meyburg, B.-U., O. Manowsky & C. Meyburg (1995): Bruterfolg von auf Bäumen bzw. Gittermasten brütenden Fischadlern (Pandion haliaetus) in Deutschland. Vogelwelt 116: 219-224.